Hier verfällt Kultur und alle schauen zu
Quelle: Ostthüringer Zeitung vom 12.2.2025
Von Benjamin Hertel, Reporter
Unterwellenborn. Damit ein einzigartiges Haus in Thüringen nicht verschwindet, soll landesweit aufgerüttelt werden. „Max braucht Gesellschaft“, denn die Zeit drängt.
Vielleicht bleiben noch ein bis zwei Jahre Zeit, bevor das Haus verfällt – so brachte der MDR die schlimme Lage am Kulturpalast Unterwellenborn in einem Fernsehbeitrag auf den Punkt. Das Thema brennt Einheimischen seit Jahrzehnten auf den Nägeln. Um die Architektur aber vor dem Einsturz zu retten, wird überregional viel zu wenig für das einzigartige Haus gestritten. Ein Buch soll das jetzt ändern.
„Max braucht Gesellschaft“ – so der Titel, der einem Appell aus dem Jahr 1949 entlehnt ist. Damals folgten Jugendliche (Schüler und Studenten) einem FDJ-Aufruf unter der Losung „Max braucht Wasser“ an die Saale und bauten zusammen mit Arbeitern mitten im Winter eine fünf Kilometer lange Rohrleitung vom Fluss über den Berg hin zur Maxhütte (heute Stahlwerk Thüringen) – in dieser Zeit einziges Hüttenwerk in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone).
Buchauflage zu einem Drittel schon verkauft
Drei Jahre später dann der erste Spatenstich für das Kulturhaus der Maxhütte, das Vorbild für alle Kulturhäuser in der DDR werden sollte. Am 1. Mai 1955 wurde der fertiggestellte Bau eingeweiht und feiert in diesem Jahr 70-jähriges Jubiläum. An seinen Architekten, Hanns Hopp, der sich unter anderem auch an repräsentativen Bauten im neoklassizistischen Stil, die an der heutigen Karl-Marx-Allee (damals Stalinallee) in Berlin stehen, beteiligte, wurde vor wenigen Tagen im Radio erinnert – er wurde vor 135 Jahren geboren.
Auf dem Büchermarkt ist „Max braucht Gesellschaft“ seit drei Monaten, die Auflage von 2000 Exemplaren zu gut einem Drittel verkauft. Das bestätigt der Leipziger Verleger Christoph Liepach, sphere publishers, dieser Zeitung im Redaktionsgespräch. Das nächste Ziel sei, „deutschlandweit für das Buch zu werben und Menschen für das Haus zu interessieren“. Liepach hofft auf Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften, die nicht nur in der Region gelesen werden. „Wünschenswert wäre, das Feuilleton im Westen zu erreichen.“
Ohne die Kraft von außen und ständigen Druck wird es nämlich nicht gehen, meint er – denn die Zeit dränge. Wenn erst einmal das Dach zusammenbreche, sei der ganze Saal dahin. Es kämen jetzt die entscheidenden Jahre. Man müsse eingreifen oder könne es gleich ganz sein lassen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Der begonnene Dialog zwischen dem Eigentümer und Akteuren, – unterstützt von der Thüringer Staatskanzlei.
In Frankfurt soll der Kulturpalast weltbekannt gemacht werden
Für das Buch selbst peilt Liepach im Herbst die Frankfurter Buchmesse an. Und im besten Fall soll es auch Preise gewinnen. Nicht ganz unrealistisch, denn schon mit seiner Publikation „Haus der Kultur Gera“ – schaffte er es 2021 auf die Shortlist der „Schönsten Deutschen Bücher“. Hingegen sei die nahende Leipziger Buchmesse für den Bildband mit essayistischen Anteilen – dem Kunst- und Sachbuch – nicht der richtige Platz, dort läge der Fokus seit Längerem schon auf Belletristik und „Max braucht Gesellschaft“ sei somit am Main viel besser aufgehoben.
Nach Saalfeld kommt Christoph Liepach im Sommer wieder – Vernissage in der Saale-Galerie am 21. Juni. Ausgestellt werden wiederentdeckte Grafiken von Kurt Römhild, die zum Teil auch im Buch bereits veröffentlicht wurden und auf denen er „das Leben in den 1960er-Jahren, den Kulturpalast und das Stahlwerk festgehalten hat“, sagt Liepach. Selbstverständlich ginge es dann auch um das Buch.
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